2. Haltung zu Demokratie und Vielfalt

Tags: Demokratie, Grundgesetz, sozialer Frieden, antidiskriminatorische Grundhaltung, Solidarität, Diversität, Gleichberechtigung, Emotionen, Emanzipation, Mündigkeit

Podcast mit Jördis Dörner –  Gründerin KF Education UG (haftungsbeschränkt)

Hier finden Sie das Transkript zum Audiobeitrag

Haltung ist ein Oberbegriff für Überzeugungen und Grundsätze, die das Denken und Handeln von Menschen maßgeblich beeinflussen. Für Projekte und Materialien, die sich dem Themenfeld GEGEN HASS IM NETZ widmen, hat Haltung im Sinne einer friedlichen, demokratischen und antidiskriminatorischen Gesellschaft eine besondere Bedeutung. Sie ist der allgemeine Referenzrahmen, aber auch Antrieb und Zielstellung, sich gegen Hass und Menschenfeindlichkeit im Netz zu engagieren – für demokratische Institutionen, Individuen und Organisationen der Zivilgesellschaft.

Projekte GEGEN HASS IM NETZ erfordern eine klare Bezugnahme auf Werte und Grundrechte im Grundgesetz und in zahlreichen Teilaspekten auch auf strafrechtliche Konsequenzen und Relevanz. Deutliche Einbindung und didaktischer Einbezug von Rechtsrahmen, gesellschaftlichem Wertekonsens mit geeigneten methodischen Instrumenten sowie Ausweis der eigenen Sprecher*innenrolle sind ein Qualitätsmerkmal bereits bei der Konzeption entsprechender Bildungsangebote. Neben der Haltung der Lernenden als Lernziel (→ 2.2 Haltungen bei Adressat*innen) sollte als Standard der politischen Bildung sowohl die Haltung der politischen Bildner*innen als auch die im verwendeten Material ausgedrückte Haltung bzw. ihr Bezug zu demokratischen Werten offengelegt und in die Vermittlung eingebettet werden. Dies gelingt durch Kontextualisierung und Überprüfbarkeit der Inhalte sowie Klarheit der Perspektive. Der Beutelsbacher Konsens mit seinen Leitsätzen Überwältigungsverbot, Kontroversitätsgebot, Handlungs- und Zielgruppenorientierung kann hier nach wie vor Orientierung geben. Leitend ist jedoch vor allem der Appell der Frankfurter Erklärung, wonach die Positionierung politischer Bildung im Sinne einer Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche ausdrücklich nach vorne gestellt wird – Haltung gegen Menschenfeindlichkeit, Diskriminierung und Schädigung einer gesunden Debattenkultur sollte also niemals dem Neutralitätsgebot untergeordnet werden.

Vor diesem Hintergrund sollten gute Bildungsarbeit, Materialien und Methoden GEGEN HASS IM NETZ einen angemessenen Raum für die pädagogische Fachkraft konstituieren, um die eigene Perspektive kritisch zu reflektieren und transparent zu machen. Dies kann in Begleitmaterialien, einer spezifischen Methodik wie Handlungsappellen, Erinnerungshilfen, Übungen und Reflexionsprozessen, in Leitfäden und Wertevereinbarungen durch Kollegien oder anderen Orten für Austausch und Reflexion der Zielgruppe “Multiplikator*innen” verankert werden. Durch solch stetige prozessuale Qualitätssicherung kann kritische (Medien-)Bildung besser gelingen.

Herausforderungen, Spannungsfelder und Handlungsempfehlungen

Die eigene Haltung in angemessener Form und zum richtigen Zeitpunkt kenntlich zu machen ist nicht immer einfach. Tonalität und Deutlichkeit können je nach Alter, Hintergrund und Perspektive der Teilnehmer*innen sehr unterschiedlich wirken. Es ist daher hilfreich, sich im Vorfeld mit dem Ausdruck der eigenen Haltung, Wortwahl, Formulierungen, Zeitpunkt sowie mit den eigenen Toleranzgrenzen in unterschiedlichen Szenarien auseinanderzusetzen und entsprechende Reaktionen vorauszudenken. Also zu fragen, was es konkret bedeutet, in unterschiedlichen Bildungssituationen Stellung zu beziehen – ist es z.B. angebracht, immer wieder an unterschiedlichen didaktischen Schlüsselmomenten “klare Kante zu zeigen” oder ist ein vorangestellter sachlicher Ausweis der eigenen Position und Sprecher*innenrolle das Richtige, indem vielleicht auch Bezug auf Erfahrungswerte und eigene Betroffenheit genommen wird? Zudem ist es für Fachkräfte in der Praxis auch wertvoll zu fragen, inwieweit die eigene Offenheit für bspw. antidemokratische Haltungen bei Teilnehmenden ausreicht, um hiermit und daran pädagogisch arbeiten zu können und gleichzeitig emotionalen Spannungen gewachsen zu sein.

Ein weiteres Spannungsfeld öffnet sich zwischen dem Erfordernis einer ausreichend gefestigten Positionierung der Fachkraft, um gut zu dem Thema arbeiten zu können und gleichzeitig geforderte Offenheit für eigene Reflexionsprozesse und die Wahrung selbstkritischer Prozesse, wie beispielsweise manifestierte Rassismen oder das Ausnutzen von Macht und Privilegien.

Leitfragen

  • Bin ich mir als Bildungsakteur*in (Fachkraft oder Organisation) der Bedeutung einer demokratischen Grundhaltung und des Referenzrahmens ‚Grundgesetz‘ bewusst?
  • Bezieht sich ein vorhandenes Material, auf welches ggf. bei der Konzeption eigener Angebote aufgebaut wird, dezidiert und gut nachvollziehbar auf eine demokratisch, emanzipatorisch und antidiskriminatorisch ausgerichtete Haltung?
  • Ist diese Haltung klar und deutlich beschrieben und nachvollziehbar offengelegt – etwa in einer Präambel, einer Vision, einem Leitfaden oder Manifest zur angestrebten Lernkultur? Wird auf Sach- und Methodenebene der Unterschied zwischen Haltung bzw. Meinung und Fakten erkennbar?
  • Gibt es im Projekt Raum und Anregung für die kritische Auseinandersetzung und Reflexion von Werten, Haltungen, Einstellungen, Überzeugungen und Wissensbeständen für die pädagogischen Fachkräfte?
  • Geht das Projekt transparent mit seinen finanziellen Grundlagen wie Förderung und Sponsoring um?

Die Ausbildung einer Haltung, welche die demokratische Grundordnung anerkennt und lebt, ist eine wichtige Voraussetzung zur Entwicklung gesellschaftlicher Kompetenzen für eine respektvolle Debattenkultur in digital vernetzten Räumen. Daher ist die Art und Weise, wie Schärfung und Entwicklung demokratischen, antidiskriminatorischen, emanzipatorischen Denkens und Handelns als Lernprozesse sowohl im methodischen als auch im inhaltlichen Design von Materialien und Bildungsansätzen verankert sind, ein wesentliches Kriterium für ihre allgemeine Qualität.

Da Demokratie nicht nur theoretisch erlernt wird, sondern konkrete, gemeinsame demokratische Erfahrungen braucht, sind auf methodischer Ebene vor allem solche Settings relevant, die gemeinsamer Meinungsbildung und Entscheidungsfindung Raum geben. Bei Durchführung und Ablauf einer Lernerfahrung kann eine solche partizipative Methodik Selbstwirksamkeit befördern und Empowerment für künftiges Handeln gegen Hass und Hetze im Netz bedeuten. Selbstwirksamkeit ist generell der wichtigste Faktor im Lernprozess. Gelingende partizipatorische Bildungsangebote GEGEN HASS IM NETZ müssen bei Entwicklung und Kombination entsprechender Methoden besonders die Zielgruppe, ihre Lebenswirklichkeiten sowie Partizipationskompetenz und -erfahrungen mit Bezug zu medialen bzw. postdigitalen Umgebungen hinzuziehen. Dabei muss es vor allem darum gehen, vordergründige Scheinpartizipation zu verhindern und Grenzen von Mitbestimmung über den Ausweis von Rollen und Verantwortungen offenzulegen.

In allen Projektphasen sollte eine offene und inklusive Diskussionskultur durch ein transparentes Set an Werten und Haltungsmarkern – insbesondere in Form von Vorbildern und Beispielen – gestärkt und methodisch gestützt werden. Partizipation kann neben einer direkten interaktiven Methodik auch durch strukturelle, übergeordnete Faktoren erreicht werden. Hierzu zählen etwa die Auswahl der Lernorte, insbesondere der medialen Settings, aber auch Sorgfalt bei der Wahl einer inklusiven (Bild-)Sprache oder der barrierearmen physischen Ausstattung. Auch die Beteiligung der Zielgruppe an Prozessen der Konzeption – etwa durch Abfragen, Playtests oder direkter Beteiligung – ist neben Zielgruppenorientierung und adäquaten Methoden für übergreifende demokratische Wirkung im Bildungssystem insgesamt relevant und wichtig.

Herausforderungen, Spannungsfelder und Handlungsempfehlungen

Haltungsfragen zu adressieren und Haltungstransformationen anzustoßen ist bei pädagogischen Vorhaben GEGEN HASS IM NETZ ebenso wichtig wie schwierig ‒ insbesondere bei oftmals knappen Zeitressourcen in Lernsettings, in denen nur kurze methodische Einheiten zur Verfügung stehen. Die Spannung zwischen der Offenheit in Bildungssituationen (Komplexität) und pädagogischen Entscheidungen für Geschlossenheit oder Vorstrukturierung, im Sinne pädagogischer Reduktion, ist stets gegeben. Gerade für abstrakte Verweise auf demokratische Werte, das Grundgesetz oder systemische Fragestellungen gesellschaftlichen Zusammenhalts sowie Bedingungen für umfassende Beteiligung ist herausfordernd: Beteiligung setzt oftmals Positionierung und Meinungsbildung voraus. Die Offenheit an der einen Stelle (z.B. die freie Äußerung unreflektierter Meinungen) kann an der anderen Stelle Ausschluss bedeuten, etwa wenn sich einzelne Teilnehmer*innen verletzt fühlen. Hier gilt es sorgsam und möglichst gemeinsam auszuloten, was für alle Teilnehmenden in einer Gruppe tragbar ist. Hilfreich ist die Ausarbeitung und Verständigung auf Regeln und Leitlinien des Zusammenseins und gemeinschaftlichen Lernens, welche Respekt, Schutz vulnerabler Gruppen und Individuen, Eigenverantwortung, Fehlertoleranz und Möglichkeiten des Rückzugs mit einschließen können.

Leitfragen

  • Steht das Konzept im Einklang mit dem Beutelsbacher Konsens und der Frankfurter Erklärung? Trägt es aktiv zur Stärkung demokratischer Teilhabe bei?
  • Befähigt, ermöglicht und motiviert das Projekt zur Mitbestimmung und Mitgestaltung von gesellschaftlichen und politischen Prozessen? Befähigt das Projekt zu Selbstbestimmung und eigenständiger Urteilsbildung? Trägt es zur Ausbildung eines Bewusstseins über Rechte und Pflichten als Bürger*in bei?
  • Verfolgt das Projekt über Partikularziele hinaus Ziele wie Emanzipation, Mündigkeit und Integration in (postdigitalen) gesellschaftlichen Zusammenhängen? Gibt es für die Teilnehmenden in jeder Projektphase Zeit und Raum für Selbstreflexion und den Austausch über die eigene Haltung sowie über den Prozess selbst?
  • Welche konkreten Methoden der Beteiligung werden gewählt, um Grundprinzipien von Teilhabe und Mitbestimmung auf der Methodenebene zu vermitteln? Welche Teile des Projektprozesses wie Themenfindung, Konzeptentwicklung, aktive Medienproduktion, Veröffentlichung oder ggf. Community-Management stehen für Partizipation offen?
  • Wird eine offene und inklusive Diskussionskultur innerhalb des Projektes ermöglicht, d.h. etwa methodisch oder über eine gemeinsame Verständigung aller Beteiligten auf Regeln oder Leitlinien eines gelungenen Miteinanders?
  • Berücksichtigt das Projekt die Lebenswirklichkeit der Zielgruppe (Aktualität und Relevanz behandelter Themen, Auswahl von Sprache und Format des Angebotes)?
1. Themenspektrum & Lernziele