Empathie fördern und für Hass sensibilisieren

In ihrer praktischen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Eltern oder Multiplikator*innen stellt sich Hass im Netz als komplexes Themenfeld mit vielfältigen Ausprägungen dar, das nicht nur Fach- und Erfahrungswissen, sondern auch Energie, Geduld und Fingerspitzengefühl erfordert.

In diesem Kontext stellt die Sensibilisierung ihrer Zielgruppen für die Fachkräfte eine besondere Herausforderung dar. Besonders in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen äußern die befragten Fachkräfte Probleme, sie für die Problematik sorglos geteilter Inhalte zu sensibilisieren und ihnen begreifbar zu machen, warum Hass im Netz ein ernstes Thema ist und welche Rolle das eigene Medienhandeln dabei spielt.

  In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen besteht die größte Herausforderung darin, den Teilnehmenden klarzumachen, dass es sich bei Hatespeech nicht um Kavaliersdelikte handelt” [1] (Fachkraft, die Workshops in der Schule durchführt, Online-Befragung).

„Oft wird etwas in den Chats aus Ärger, Wut oder Unwissenheit geschrieben. Es ist kein Verständnis für die ‘Schwere’ und möglichen Auswirkungen der Inhalte vorhanden” (Fachkraft aus der Kita-Sozialarbeit, Online-Befragung).

Die Fachkräfte beschreiben eine mangelnde Sensibilität, was das Teilen oder Weiterleiten von Inhalten durch ihre Zielgruppen angeht. So erlebt eine Fachkraft beispielsweise eine “Unkenntnis und/oder Abstumpfung gegenüber (rechten) Ideologien” bei Kindern und Jugendlichen. In diesem Kontext wird auch die Schwierigkeit thematisiert, die “Eigendynamik von ‘Hass im Netz’ klar [zu] machen, die unbedachte Worte oder ‘lustig gemeinte’ Manipulationen von digitalen Inhalten entwickeln” können (Antworten aus der Online-Befragung).

Anhand der Aussagen der betreffenden Fachkräfte zeigt sich, dass es ihnen nicht immer gelingt, bei ihren Zielgruppen einen Reflexionsprozess zu ihrem Medienhandeln anzuregen. Wenn sie selbst Hass im Netz im Rahmen eines Angebotes thematisieren, erleben sie Gleichgültigkeit oder Ablehnung der Kinder und Jugendlichen angesichts eigener Äußerungen im Internet oder der möglichen (strafrechtlichen) Konsequenzen.

Es werden zwei Aspekte deutlich: Zum einen ist es für Fachkräfte herausfordernd, mit der mangelnden Sensibilität ihrer Zielgruppe umzugehen. Zum anderen fehlt es ihnen an methodischer Kompetenz, um sie zu stärken. Die aktuell verwendeten Methoden und Angebote beschreiben einige Fachkräfte als frontal und wenig interaktiv; die Jugendlichen würden eher “belehrt”, anstatt auf emotionaler Ebene erreicht.

 Wenn das Thema im Rahmen eines Projektes aufgegriffen wird, wirkt es oftmals ‘herbeigeredet’ und alle sind sich einig, dass derlei nicht okay ist und wie miteinander umgegangen werde sollte“ (Fachkraft aus der Schulsozialarbeit, Online-Befragung).

In diesem Kontext werden bestehende Methoden als nicht nachhaltig im Sinne der Sensibilisierung beschrieben. Die Fachkräfte merken an, dass es nicht ausreicht, über Hassphänomene zu sprechen. Eine nachhaltige Befassung würde voraussetzen, dass Kinder und Jugendliche sich praktisch mit Hassrede auseinandersetzen und dazu angeregt werden, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren.

 Die Herausforderung sehe ich darin, Kinder und Jugendliche wirklich nachhaltig dafür zu sensibilisieren, wie man empathisch mit anderen Menschen im Internet umgeht. Auf der Theorieebene wissen die Kinder und Jugendlichen viele Dinge (ich soll nicht beleidigen) aber auf emotionaler Ebene noch nicht. […] Und die Erfahrung ist oft, dass das Thema besprochen wird, und auf der theoretischen Ebene wird es verstanden und im nächsten Moment beleidigen sich die Kids aber direkt wieder” (Fachkraft aus einem Jugendzentrum/ Medienkompetenzzentrum, Online-Befragung).

Die von den betreffenden Fachkräften genutzten Methoden scheinen aktuell nicht dazu zu führen, dass Kinder und Jugendliche die Relevanz des Themas für sich selbst verstehen, Mitgefühl für ihr Gegenüber entwickeln oder ihr Verhalten ändern. Die Sensibilisierung der Zielgruppen für die Relevanz der Inhalte eigener Posts, Memes oder Beiträge und für deren Wirkung auf andere (Bystander, allgemeine Öffentlichkeit) erscheint als eine der zentralen methodischen Herausforderungen für die befragten Fachkräfte.

Wenn Kinder und Jugendliche Betroffenheit von Hass im Netz innerhalb eines Workshops äußern, wird ein geschützter Raum benötigt, um diese besonderen Anliegen auffangen zu können. Oft sind zeitliche Ressourcen vonnöten, um Erfahrungen aufzuarbeiten und weitere Schritte zu planen.
Insbesondere in (medienpädagogischen) Angeboten mit einem Projektablauf und einem festgelegten Zeitrahmen (z.B. eintägiges Workshop-Angebot in einer Schule) kann es für Fachkräfte eine Herausforderung darstellen, Betroffenheit bei Kindern und Jugendlichen zu adressieren und angemessen zu bearbeiten. In diesem Kontext äußern einige Fachkräfte, dass ihnen innerhalb dieser Angebote oft zu wenig Zeit bleibt, um sich diesem Aspekt hinreichend zu widmen. Andere formulieren methodische Schwierigkeiten und Unsicherheiten: Zum einen, wie man Betroffenheit gut adressiert, wenn sie innerhalb eines Workshops „aufflammt“; zum anderen, wie man sie auffängt und den Betroffenen psychosoziale Unterstützung bietet. Denkbare Unterstützungsangebote für Fachkräfte wären hier zum Beispiel die Vermittlung von Wissen über Anlauf- und Beratungsstellen zu Hass im Netz – ob lokal oder online – damit ein Raum geschaffen werden kann, in dem solche Erfahrungen aufgearbeitet und weitere Schritte überlegt werden können. Ein geäußerter Bedarf war in diesem Kontext auch die Verfügbarkeit von „einfache[n] Notfallplän[en], um in Akutsituationen schnell die Handlungsoptionen zu sehen und durchführen zu können“ (Antwort aus der Online-Befragung).

Um Fachkräfte hinsichtlich ihrer Sensibilisierungsarbeit und des Umgangs mit Betroffenheitserfahrungen zu unterstützen, erscheint es notwendig, sie hinsichtlich Gesprächsführung und methodischer Bearbeitung von Themen rund um Hass im Netz zu befähigen. Im Mittelpunkt stehen hierbei Methoden, die die Empathiefähigkeit der Kinder und Jugendlichen fördern und helfen, sie auf affektiver Ebene anzusprechen. Darüber hinaus ist die Ausweitung von Angeboten sinnvoll: Wenn Kinder und Jugendliche emotional erreicht werden sollen, reicht ein Ein-Tages-Workshop nicht aus, um inhaltliche Tiefe zu erreichen sowie Raum für Dialog, Erfahrungen und Austausch zu schaffen. In längerfristigen Angeboten können Fachkräfte ein nachhaltigeres Vertrauensverhältnis aufbauen oder diejenigen unterstützen, die es bereits haben und sich daher mit Problemen an sie wenden. Um zusätzliche zeitliche und personelle Ressourcen zu nutzen und verfügbar zu machen, erscheint es sinnvoll, schulische mit außerschulischen Bildungspartnern zu vernetzen. Schwerpunkt hierbei sollte die Kooperation mit Institutionen der medienpädagogischen und politischen Medienbildung sein.

 

Autorinnen: Carolin Rössler, Lena Schmidt

[1] Rechtschreib- und Grammatikfehler wurden in den Zitaten für die bessere Lesbarkeit angepasst. Es wurde darauf geachtet, die inhaltliche Aussage damit nicht zu verändern.

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