Desinfo und du
Ja, genau du!
Bevor wir Nachrichten im Netz checken und Strategien von Desinformation durchschauen, checke erst mal dich.
Desinformation sind falsche Informationen, die absichtlich verbreitet werden, um Schaden anzurichten oder dich zu verunsichern.
(Deine Antworten bleiben auf deinem Gerät. Es wird nichts gespeichert und nichts verschickt.)
Für wie groß hältst du das Risiko, dass du selbst durch Desinformation in deiner Meinung zu einem Thema beeinflusst wirst?
Für wie groß hältst du das Risiko, dass andere durch Desinformation in ihrer Meinung zu einem Thema beeinflusst werden?
Wie haben sich andere eingeschätzt?
In einer Befragung von rund 5.000 Menschen in Deutschland hielten 16 % das Risiko für groß, selbst von Desinformation beeinflusst zu werden. Das Risiko für andere schätzten dieselben Leute deutlich höher ein: 70 %.
Fällt dir was auf? Offenbar sehen wir die Gefahr oft eher bei anderen als bei uns selbst. Bei so einem Abstand liegt die Vermutung nahe, dass sich viele selbst überschätzen.
Warum ist das so?
Wahrscheinlich weniger aus Eitelkeit als wegen einer Schieflage der Perspektive: Wenn andere auf etwas hereinfallen, sehe ich es. Wenn ich selbst auf Desinformation hereinfalle, merke ich es ja gar nicht.
In der Forschung heißt dieses Muster Third-Person-Effekt, auf Deutsch etwa: Dritte-Person-Effekt. Er beschreibt, dass Menschen die Wirkung von Medien fast immer eher bei anderen vermuten als bei sich selbst.
Was heißt das für dich? Vielleicht liegst du mit deiner Selbsteinschätzung genau richtig. Trotzdem: Frag dich immer, ob Desinformation auch dich erwischen könnte.
Quelle: Bertelsmann Stiftung (2024), „Verunsicherte Öffentlichkeit“.
Was kotzt dich richtig an, wenn du es in den Nachrichten oder im Netz siehst?
Beliebig viele Einträge. Stichworte genügen. Mit der Eingabetaste entsteht eine neue Zeile.
Mir fällt nichts ein
Denk an den letzten Moment, in dem du beim Scrollen laut geworden bist oder das Handy weggelegt hast. Was stand da?
Und mal ehrlich: Welche Meldungen liest du besonders gern, weil sie jemanden schlecht dastehen lassen, den du nicht magst?
Auch hier: beliebig viele Einträge. Niemand liest mit.
Mir fällt nichts ein
Hast du vor Kurzem eine Meldung gelesen, in der jemand schlecht dasteht — und sie jemandem erzählt oder weitergeschickt?
An diesen Stellen könnte man dich angreifen. Wer weiß, was dich hochbringt, weiß, wo er ansetzen muss.
Dafür gibt es sogar einen Fachbegriff: Rage Bait — Wutmacher als Geschäftsmodell. Eine Meldung, die dich ärgert, wird angeklickt, kommentiert und weitergeschickt. Das bringt Reichweite, und Reichweite bringt Geld oder Stimmen. Ob die Meldung stimmt, ist dabei zweitrangig.
Am stärksten wirkt die moralische Empörung — das Gefühl, hier hat jemand eine Grenze überschritten. Und wer sich moralisch im Recht fühlt, prüft gar nicht erst.
Desinformation nutzt dabei keineswegs nur unsere Wut. Sie zielt genauso auf Mitgefühl: der erfundene Spendenaufruf, die rührende Rettungsgeschichte, die es nie gab. Und ebenso mit Schadenfreude, mit Ekel und mit Überraschung. Falschmeldungen verbreiten sich weiter und schneller als wahre — nicht weil sie geschickter gemacht sind, sondern weil sie stärker aufwühlen.
Wer hat das erforscht?
Der bekannteste Befund dazu kommt von Forschenden des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Sie haben 2018 in der Fachzeitschrift Science rund 126.000 Nachrichtenketten auf Twitter untersucht.
Das Ergebnis: Falschmeldungen verbreiteten sich weiter, schneller und an deutlich mehr Menschen als wahre Meldungen. Auffällig war, welche Gefühle die Meldungen auslösten: Bei Falschmeldungen dominierten unter anderem Überraschung, Ekel und Angst, bei wahren Meldungen eher Trauer, Freude und Vertrauen.
Was heißt das für dich?
Ein starkes Gefühl ist ein Warnsignal, kein Beweis.
Wenn eine Überschrift dich sofort packt, ist das der Moment zum Prüfen — nicht zum Teilen.
Gleich kommen ein paar Themen, über die viel gestritten wird.
Wir fragen dich nicht, welche Haltung du dazu hast. Sondern nur, wie sicher du dir bist — ob du dich klar positionieren würdest oder eher schwankst.
Zieh den Regler dorthin, wo du dich siehst. Sagt dir ein Thema nichts, überspring es einfach.
Was zu deiner Haltung passt, wirkt einleuchtend. Du nickst innerlich und bist eher bereit, etwas als wahr zu akzeptieren.
Was deiner Haltung widerspricht, wirkt verdächtig. Du suchst nach einem Haken.
Beides passiert, bevor du darüber nachgedacht hast. Deshalb ist Desinformation nicht dort am wirksamsten, wo dir ein Thema egal ist, sondern dort, wo du dir sicher bist.
Wie heißt das in der Forschung?
Motivated Reasoning, auf Deutsch etwa: motiviertes Denken. Charles Taber und Milton Lodge haben 2006 gezeigt, dass Menschen Argumente, die ihrer Haltung widersprechen, deutlich länger und kritischer prüfen als solche, die sie bestätigen. Je fester die Haltung, desto größer der Unterschied.
Verwandt damit ist der Confirmation Bias: die Neigung, vor allem das wahrzunehmen und zu suchen, was man ohnehin glaubt.
Was heißt das für dich?
Deine klarsten Haltungen sind deine unaufmerksamsten Stellen.
Eine Meldung, die dir recht gibt, ist einen zweiten Blick eher wert als eine, die dich ärgert.
Wem glaubst du eher — und wem eher nicht?
Zieh jeden Baustein auf eine der beiden Seiten. Antippen und dann die Seite antippen geht auch.
Vertrauen ist erst mal praktisch. Niemand kann jede Info im Netz selbst überprüfen — irgendwem müssen wir glauben.
Nur: Wem wir vertrauen, den prüfen wir in der Regel nicht. Und wem wir misstrauen, dem glauben wir auch dann nicht, wenn er ausnahmsweise recht hat. Deine Einteilung entscheidet also nicht darüber, was stimmt — sondern darüber, wo du überhaupt noch hinschaust.
Was heißt das für die einzelnen Seiten?
Journalistische Medien arbeiten nach Regeln: prüfen, gegenprüfen, Fehler korrigieren. Das ist eine gute Grundlage. Trotzdem arbeiten natürlich Menschen in einer Redaktion, die eine Meinung haben. Aber: Die Meinung muss klar als Meinung gekennzeichnet sein. In der Regel halten sich Redaktionen daran.
Alternative Angebote zeigen oft eine andere Sichtweise. Frag dort besonders genau nach: Woher stammen die Angaben, werden überhaupt Quellen genannt? Diese Seiten sind politisch gefärbt und werben mit drastischen Überschriften um Klicks.
Einzelne Leute im Netz sind die schwierigste Gruppe: Meist weißt du gar nicht, woher sie ihre Informationen haben. Hier lohnt es sich, selbst nachzusehen und eine zweite, unabhängige Quelle zu suchen.
KI-Chatbots können beim Suchen helfen. Aber nicht alles, was sie ausgeben, stimmt — und sie klingen auch dann überzeugend, wenn sie danebenliegen. Genau das ist das Problem. Lass dir Quellen nennen und sieh dort nach.
Was heißt das für dich?
Woher hat der das?
Diese Frage lohnt sich bei jeder Quelle — auch bei deinen Lieblingsquellen. Wenn du Kanälen vertraust: gut. Schau trotzdem ab und zu woanders hin. Und wenn du regelmäßig Leuten im Netz folgst, sieh dir einmal an, wie sie arbeiten: Nennen sie Quellen? Korrigieren sie sich, wenn sie falsch lagen?
MerksatzFrag dich immer, ob Desinformation auch dich erwischen könnte.
MerksatzEin starkes Gefühl ist ein Warnsignal, kein Beweis.
MerksatzDeine klarsten Haltungen sind deine unaufmerksamsten Stellen.
MerksatzWoher hat der das? — Die Frage lohnt sich bei jeder Quelle, auch bei deinen Lieblingsquellen.
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Diese Praxismethode steht zur Nutzung unter CC BY-SA 4.0 Bedingungen (Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen) zur Verfügung. Die Namensnennung sollte erfolgen: „Praxismethode: Desinfo und du – GMK“.